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Sachsen: Staatskanzlei fährt Kampagne gegen Facebook

2. März 2012

(Update 7.3. ganz hinten) Wenn Spatzen auf Kanonen schießen – oder so… Au wei! Dass Sachsens Politiker ein Problem mit neuen Medien haben, vor allem mit Facebook, habe ich hier jüngst ausgeführt. Doch Medienminister und Staatskanzlei Johannes Beermann (CDU) setzt noch mal einen drauf: Er phantasiert munter drauf los und erzählt den größten Blödsinn über die neue Timeline. Und gründet gleich mal eine eigene Facebook-Seite, die er mit einer Sachsenflagge (und Staatswappen!) versehen, „Stoppt Facebook-Chronik!“ nennt. Also eine offizielle Anti-Facebook-Site des Freistaates auf Facebook…

Offizielle Sachsen Anti-Facebook-Kampagne. Screenshot: Facebook

Wenn man offensichtlich keine Ahnung vom Thema hat, sollte man es besser lassen und keinen Blödsinn verbreiten. Sämtliche Argumente der Staatskanzlei (SK) treffen nicht zu. Beermann hätte sich nur die neue Timeline einmal anschauen müssen und hätte gewiss selbst gemerkt: Es geht nur um eine schlichte Layoutänderung. Das ganze Gejammer von anderen Politikern rührte aus Unwissenheit heraus. Alle Posts werden nur neu und übersichtlicher angeordnet. Weder muss ich etwas hinzufügen, noch etwas löschen. Weder muss ich Bilder von meiner Geburt, noch von meinen Jugendsünden reinstellen. Was kann ich? Ich kann nun leichter meine alten Posts durchforsten, sortieren und wichten. Und ich kann leichter LÖSCHEN! Ich kann Nutzerrechte jetzt leichter einschränken und vergeben. Ich kann im Sinne des Datenschutzes aktiver werden als je zuvor. Bitte erst mal informieren, dann posten. Zur Not gibt Facebook gern Nachhilfe.

Überhaupt ist es lächerlich, dass sich eine Staatskanzlei bzw. ein Medienminister um Facebook kümmert und sich – wenn überhaupt schon – dermaßen naiv und unwissend im Internet bewegt. Wo bleibt da die Beratung? Die Art und Weise, wie auf Facebook eine Kampagne gegen Facebook losgetreten wird, ist einfach nur erschreckend und macht ganz Sachsen lächerlich. Warum löschen die Minister, Abgeordneten und vor allem die SK ihre Profile – die SK hat nun schon zwei mit gleichem Titel – nicht lieber ganz schnell? Gerade, da man ja alles als so gefährlich empfindet?

Pikant: Die Staatskanzlei selbst startete im Internet jüngst die „Dialogplattform Sachsen“. Neben dem Zapple-Video von Regierungssprecher Johann-Adolf Cohausz, sollen dort (vor allem) die Sachsen diskutieren und der Regierung Ratschläge geben. Allerdings, anders als bei Facebook, kann ich dort nicht meine abgegebenen Kommentare löschen oder editieren! Unter „häufige Fragen“ schreibt die Staatsregierung (auch diese Seite wird von der SK verantwortet):

„Kann ich meinen Beitrag später noch korrigieren?

Nein, das ist nicht vorgesehen. Deswegen ist es wichtig, dass Sie vor Absenden Ihres Beitrags oder Kommentars im Editierfenster noch einmal aufmerksam lesen und bei Bedarf korrigieren. (In Ausnahmefällen können Sie sich direkt an den Administrator wenden.) Wenn Sie neue Ideen und Vorschläge haben oder Ihren Standpunkt geändert haben, können Sie einen neuen Beitrag einreichen oder einen Kommentar zu Ihrem ersten Beitrag schreiben.“

Aha, also bei Facebook verlangt Medienminister Beermann, Transparenz und wirft dem Netzwerk vor, dem „elementaren Menschenrecht auf informationelle Selbstbestimmung“ zu verletzen (was ja nachweislich falsch ist!), aber auf der eigenen Seite lässt er nichts anderes zu! Wie geht denn das? (Danke für den Tipp, auf FB gelesen.)

Appropos „informationelles Recht auf Selbstbestimmung: Wie viele hunderttausend Handys ließ die Staatesregierung / Polizei /LKA oder wer auch immer nicht Schuld sein will ist, noch einmal im Februar 2011 ausspähen? Erst heute wurde bekannt, dass auch halb Pieschen (Dresdner Ortsteil) 48 Stunden lang pausenlos von Handyscannern erfasst wurde und die Daten von hunderttausenden Gesprächen (auch aus rund 400 Straßen- und S-Bahnen) abgefangen wurden. Wo war da das Recht der Bürger, ihre Daten geheim halten zu können? Bis heute hat die Staatsanwaltschaft den Auskunftsbegehren von tausenden Dresdnern, die wissen wollten, welche Daten von ihnen wann erfasst wurden, nicht beantwortet...

Update: Der „Fangschuss“ kam heute von Innenminister Markus Ulbig (CDU) schlecht hin, der auch auf Timeline umgestellt hat – freiwillig!

  1. 3. März 2012 um 00:33

    Schöne Zusammenfassung. Aber Hand aufs Herz: Der „pikante“ Verweis zu dialog.sachsen.de – selbst drauf gekommen? Oder in den Diskussionsbeiträgen auf Facebook gelesen?

    • 3. März 2012 um 07:50

      Hi, danke! Nein, die Anregung kam natürlich aus den Kommentaren, auch wenn ich selbst schon die „Hinweise“ gelesen hatte – allerdings ohne auf die Selbstbestimmung zu kommen. Wie du sagst: eine Zusammenfassung…😉

  2. 7. März 2012 um 17:52

    hahaha, das Update macht meinen Tag!

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