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J.C. und der alte weiße Mann

24. September 2011

J.C. schüttelt den Kopf. Der alte weiße Mann löst seltsame Reaktionen aus. Als wäre er ein Popstar, so jubeln sie ihm zu. Plakate werden geschwenkt. Fahnen flattern im Wind. Menschen halten ihm ihre Säuglinge in einem Stadion entgegen. Er küsst sie. Mit 84! Wider der Natur, denkt J.C. Doch die Menschen sind außer sich, scheinen berauscht von Drogen. Auch das Fernsehen ist im Ausnahmezustand: „Er hat gerade noch ein Kind bekommen“, sagt der Reporter der ARD-Sondersendung Nr. 347 euphorisch. Donnerwetter, denkt J.C. Der Alte hat es raus. Unbefleckte Empfängnis und dann auch noch gleich und sofort ein vollkommen fertiges Kind. Mit Kleidung!

J.C. grübelt. Nicht nur die einfachen Menschen sind entrückt. Auch die, die eigentlich einen kühlen Kopf bewahren sollten. „Herr Glück“, wird der CSU-Abgeordnete Alois Glück in der ARD-Sondersendung Nr. 412 gefragt, „Herr Glück, sind sie glücklich!?“ Er ist es. Er schäumt regelrecht vor Glück. Er darf es. Er ist Bayer. Aber die keck frisierte Ost-Berlinerin Petra Pau, die zu Täterätä-Zeiten immer bierernst ihr Halstuch über der FDJ-Bluse als Pionierleiterin trug, darf sie glücklich sein? Wer weiß… Offensichtlich ist sie zu tiefst beeindruckt. Sie verbeugt sich doppelt so oft wie alle anderen Politiker, die dem alten weißen Mann die weiche faltige Hand drücken dürfen. Nur auf die Knie fällt sie nicht.

J.C. schaut irritiert. Es sind immer die selben Menschen, die dem Alten die Hände schütteln und in Reihe eins kritiklos lauschen. Die „normalen“ Lämmer dürfen den alten Mann wohl nicht so hautnah erleben. Dabei sind es alles Menschen, die der alte weiße Mann gar mögen darf. Es ist immer diese Bundeskanzlerin, in ihrem giftig grünen Blazer, die ihr Seelenheil nicht bei dem alten Mann finden will. Es ist der geschniegelte Bundespräsident höchst selbst, der keine Oblaten naschen darf, da er eine zweite Frau sein eigen nennt. Es ist der unverheiratete regierende Bürgermeister, der – so meint der alte weiße Mann – den falschen Partner fürs Leben gewählt hat.

J.C. wundert sich. Auf dem Feld im Eichsfeld, mitten in der Mitte, schwenkt die Kamera der ARD-Sondersendung Nr. 746 auf einen Mann in den 50ern, an dem der alte weiße Mann gerade vorbeigefahren ist: „Ist das ein wichtiger Tag?“ fragt die Reporterin, die eine schmerzhafte Zahn-OP hinter sich haben muss, wenn man ihr einfältiges Lächeln richtig deutet. „Ja, dass ist er“, sagt der Mann. „Es ist der wichtigste und schönste Tag in meinem Leben! Was soll es denn noch Schöneres geben?“ J.C. wundert sich immer mehr. Es gibt für einen Menschen nichts Schöneres, als den alten weißen Mann zu sehen? Enkel, Kinder, Ehepartner – sie können ihn nicht toppen?

J.C. will nicht mehr schauen. Will nicht mehr zuhören. Er hat genug. Was ist nur aus meiner kleinen, fortschrittlichen und gesellschaftskritischen Gefolgschaft für eine unmündigige, rückständige und dumme Herde geworden! Vielleicht wird’s Zeit für einen neuen Versuch?