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Gebt die Schlusszeiten frei!

15. September 2010

Alle Jahr wieder streiten Politiker, Verbände und Kirchen in Sachsen über den Ladenschluss. Ab Januar muss ein neues Gesetz vorliegen. Und erneut werden nur die bekannten Argumente heruntergeleiert. Doch wirklicher Mut zu Reformen fehlt auch dieses mal. Und so streitet man sich im Landtag über bisher Selbstverständliches und freut sich über Reförmchen.

Klar, ein paar Zugeständnisse für Autowaschanlagen und Videotheken gibt es.  Frank Kaempfe, Vize-Chef des Tankstellenverbandes sagte in der Anhörung im Landtag: „In der Tankstelle darf man 365 Tage, 24 Stunden täglich, alle Waren kaufen – es gibt keinen Grund, die Waschanlage zu schließen.“

Doch eine generelle Aufhebung der Gängelung von mündigen Bürgern fordert leider niemand. Zwar sagt Manfred Böhme, Chef des Landestourismusverbandes: „Die Entscheidungen des Einzelnen sind das höchste Gut und auch so zu beachten.“ Und Kunden sollten die Möglichkeit haben, alles, was „sie tun möchten, auch zu tun“. Doch  Handwerkskammer, IHK und die Vereinigung der sächsischen Wirtschaft wollen nicht mehr als bislang: 8-22 Uhr, vier Sonntage und einen weiteren Sonntag für regionale Änlässe. Eine Ausweitung, wie von vielen Kunden gewünscht – ob täglich von 0 bis 24 Uhr oder sonntags -, fordern sie nicht. Ina-Maria Heidmann, Chefin der Handwerkskammer Dresden: „6 bis 22 Uhr wird nicht angetastet und entspricht dem Bedarf.“ Wer wurde denn dazu befragt? Wie kann die Kammer denn meinen Bedarf einschätzen?

Die Frage bleibt: Warum wird mir mit dem pädagogischen Zeigefinger vorgeschrieben, wann ich wo einkaufen darf und meine Freizeit bzw. meinen Sonntag verbringen muss?

Die Kirchen sehen das Abendland bedroht, sollten am Sonntag die Läden öffnen. Doch wieso geht das problemlos in katholischen Ländern wie Polen, Spanien und sogar Italien, also unter den Augen des Papstes? Sind dort die Gottesdienste leerer als bei uns? Die Kirchen bemängeln, dass die allgemeine Sonntagsruhe, die sogar per Staatsvertrag mit dem Vatikan geregelt sei, gestört würde. „Wir sehen einfach keinen Bedarf.“ Ordinariatsrat Christoph Pötzsch: „Der Sonntag soll sich vom Alltag abheben.“ Es sei der einzige Tag zur Besinnung, für ein gemeinsames Familienleben.

Gewerkschaften argumentieren mit den Angestellten, die sonntags arbeiten müssten. Klar, dafür bekommen sie in der Woche einen Tag mehr frei. So wie alle anderen Berufsgruppen, die sonntags arbeiten. Und mal ehrlich, gehen Angestellte sonntags nicht auch ins Restaurant, fahren Bus, lauschen dem Pfarrer und kaufen frische Brötchen? Es gibt schon jetzt viele Berufsgruppen, die ganz normal sonntags arbeiten. Ohne, dass deren Welt untergeht.

Linke Parteien beschwören gern die heile Familie. Die wird durch einen verkaufsoffenen Sonntag zerstört. Sei doch der Sonntag der einzige Tag in der Woche, an dem die Familie zu Hause sitzt und bastelt oder etwas gemeinsam unternimmt. Wenn es denn so wäre! Es ist doch irrsinnig anzunehmen, dass Kinder in minderbemittelten Familien besser umsorgt werden, nur weil Sonntag die Läden zu haben. Außerdem gehört gemeinsames Einkaufen, Bummeln oder Eisessen in der Stadt für viele Menschen inzwischen zum normalen Freizeitverhalten. Warum will man mir das verbieten und mich umerziehen? Ich bin ein freier Mensch und kann das doch allein entscheiden, wie ich wo meinen Sonntag verbringe. Oder?

Die ebenfalls diskutierte Frage, wie man fünf Tage „Nachtöffnungen an Werktagen im Jahr“ in Sachsen künftig gesetzlich überwachen kann, ist völlig unnötig! Zwölf Bundesländer – darunter auch Thüringen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg – haben bereits die Öffnungszeiten in der Woche komplett freigegeben. Warum geht das nicht in Sachsen? Einfach 6×24 Stunden erlauben und das Thema ist vom Tisch!

Das Argument, dann müssten die Läden ja so lange geöffnet haben, ist völliger Quatsch. Niemand ist verpflichtet, die Ladenöffnungszeiten auszunutzen. Weder müssen die Läden öffnen, noch müssen die Bürger einkaufen. Schon jetzt reizt kaum ein Händler die Öffnungszeiten bis 22 Uhr aus. Aber wenn er es will – und wenn er meint, bis 2 Uhr nachts Umsätze zu generieren, weil Kunden kommen – dann soll er es bitte auch dürfen!

Gerade dies bezweifeln Kirchen und Gewerkschaften. Jörg Lauenroth-Mago (ver.di): „Längere Öffnungszeiten bringen nicht mehr Umsätze und schaffen keine neuen Arbeitsplätze.“ Sein Wunsch sei: „Öffnungszeiten auf 20 Uhr zurückzufahren.“ Eine Videotheken-Öffnung sei sonntags unnötig, da es über TV und Internet Alternativen gebe. Okay, damit kann man eine ganze Branche in den Abgrund stürzten. Nach dem Argument könnte man Buchläden auch schließen, ich kann ja meine Bücher auch nachts und sonntags im Internet bestellen. Mit solchen sturen Regeln, macht man den Einzelhandel erst recht kaputt!

Es ist mal wieder ein Grundproblem in Deutschland: Verbände, Kirche und Parteien meinen zu wissen, was gut für das Volk ist und wollen es für die Bürger regeln. Anstatt den mündigen Menschen ihre Entscheidungen einfach selbst zu überlassen…

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