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Barock oder Modern?

2. März 2010

Mal wieder streiten sich in Dresden die Menschen: Diesmal geht es nicht um eine Brücke, sondern um einen Streit, der noch viiiiel älter ist. „Barock oder Modern“, lautet die Frage. Soll der Neustädter Markt barock werden oder modern? Witzig an dieser Fragestellung, die in den Medien derzeit kocht, ist: Die Frage stellt sich gar nicht! Denn der Neustädter Markt ist bebaut. Und es wäre geradezu abartig zu gauben, dass er in den kommenden Monaten abgerissen wird…

Pläne für den Neubau der Florana.

Um es vorweg zu nehmen: Die „neuen“ Entwürfe für den Neustädter Markt, die der Firma Florana, sind alles andere als modern. Oder gelunden. Sie spiegeln eine Bauweise der 70er Jahre wieder, die es auf der Hauptstraße – also in der Inneren Neustadt – ohnehin schon in Hülle und Fülle gibt. Eine moderne Platte soll an der Stelle entstehen, an der man eine alte Platte wegreißen will. Wie innovativ! Dabei hätte man ja wirklich mal was Modernes, aus Glas oder anderen Materialien wagen könne, was Dresden architektonisch mal etwas voran gebracht hätte. Hätte, könnte, sollte. Worte für Debatten die hier nie stattfinden.

Denn Dresden wäre sich ja nicht treu, wenn man einfach mal einen Kompromiss finden würde durch Überlegungen und Debatten.

So planen die "Bewahrer" die gleiche Stelle. Ebenfalls beliebig - nur eben "barock"...

Nein, „mir sinn mir“, also suchen wir uns denen Gegenpol zum „modernen“ Entwurf und streiten. Damit wären wir bei meinem absoluten Dresdner Lieblingsverein: Bei den Pläne der „Bewahrer“, also der Gesellschaft „Historischer Neumarkt“. Die durften sich ja bereits – glauben sie selbst – auf dem Neumarkt rund um die Frauenkirche austoben. Und zu jeder passenden Gelegenheit losplärren: „Das ist aber nicht historisch!“ Zum Glück haben sie sich kaum durchsetzen können. Dennoch ist der wiederaufgebaute Neumarkt vernünftig. Und historisch. Moderne Bauten neben wiedererrichteten „barocken“ Leitbauten. Mehr aber auch nicht. Man merkt, dass der Patz neu ist, aber an das alte Dresden erinnern soll. Genauso muss es auch sein. Man muss den Leuten keine Vergangenheit und heile Welt vorgauckeln, die nun mal im Februar 1945 in Schutt und Asche fiel. Ohnehin erinnern die zwangsbarocken Neubauten  schon mehr als genug an Disneyland, als ans „gute alte Dresden“.

So sah bis 1945 die Hauptstraße aus - heute ist sie teilweise mit Plattenbauten bebaut. Architektur, die in den 70er Jahren ihre Berechtigung hatte und zur Dresdner Geschichte gehört.

Dabei gingen und gehen diese „Bewahrer“ so radikal mit Kritikern um, dass diese schon mal in der Presse als „Geschichtsfeinde“ deununziert werden oder ihnen gleich jegliche Kompetenz abgesprochen wird, eine eigene Meinung in Sachen Moderne, Stadtbild und Geschmack zu besitzen. Nicht ohne Grund sind die Neumärktler als „Barockfaschisten“ verschrieen – ein Ausdruck, den ich mir hier nicht zu eigen machen will, den ich aber gut verstehen kann. Ich hatte selbst einmal auf einer Veranstaltung mit ihnen zu tun und mir brummt noch immer der Kopf, wenn ich daran denke… *grusel* Jedes Steinchen sollte braock sein. Jede Farbe. Jedes Fenster. Jedes Ornament… Was sie nie gesagt haben, ob auch die Plummsklos auf den Hausfluren wieder aufgebaut werden sollen, die nassen Keller, die viel zu kleinen Wohnungen und die fehlenden Bäder? Nicht zu vergessen, dass man dann vor der Frauenkirche einen Laster mit Ratten hätte abkippen müssen, damit das einstige „Kirchenviertel“, wo Dresdens Dirnen sich ihr Geld verdienten, auch wieder den barocken Flair zurück bekommt.

Ich mein, man kann es mit dem Wiederaufbau des einst schönen Dresdens auch übertreiben. Wir leben in einer modernen Zeit. 60 Jahre nach dem Krieg bin auch ich froh, dass Leitbauten in der Stadt an das alte Stadtbild erinnern. Die großen Häuser – von Schloss bis Semperoper – gehören zwangsweise zur Stadt und mussten wiedererrichtet werden. Die Frauenkirche musste die Silhouette wieder ergänzen. Der Neumarkt – weil er eben noch nicht wieder aufgebaut war – hat durchaus eine Bebauung verdient, die an den alten Zustand angelehnt ist. Doch letztlich sagen sich viele Dresdner: Für Touristen ist das alles ganz schön, aber Wohnen können und wollen wir hier nicht. Denn die Mieten sind in der nun hochpreisigen Lage völlig unbezahlbar.

Die Hauptstraße mit Goldenem Reiter und Neustädter Rathaus um 1900.

Jedenfalls – um auf das Thema zurück zu kommen – hat diese Gesellschaft, die sich wie erwähnt „historischer Neumarkt“ nennt, nun mal wieder in den Gazatten das große Plärren angestimmt: Und mault hier und da – auch wenn es keiner hören will -, dass doch der Neustädter Markt unbedingt und zwangsweise barock wiedererblühen soll. Na klar! Weg mit allen dort stehenden Gebäuden. Weg mit der Bundesstraße vor der Augustusbrücke (die diese Leute allen Ernstes für 70 Millionen Euro in einen Tunnel stecken wollen). Und her mit der guten alten Zeit. Doch dann lieber „Bewahrer“, kratzen wir auch schnell noch die goldene Farbe vom Goldenen Reiter, denn der war vor dem Krieg bekanntermaßen verrostet. Wenn schon auf dem Stand von 1945, dann bitte richtig! Und weg mit Telefonkabeln und Infrastruktur. Diesen neumodische Kram will niemand. Ihhh!

Und außerdem: Warum eigentlich barock? Diesen neumod’schen Kram hat doch erst Augst der Starke eingeführt. Weg damit! Wir wollen – wenn schon, denn schon – das historische „Altendresden“ wieder haben. Mit den Holzhütten und den Schafweiden an der Elbe. So wäre das Tor zur Neustadt wirklich historisch und ein echter Touristen-Magnet!!!

Mal im Ernst: Wem soll die brocke Bebauung nun in der Neustadt was bringen? Die Mietpreise werden  gigantisch klettern. Kein Mensch braucht das Neustädter Rathaus – so schön es war – heute noch. Und: Wer soll die ganzen Phantastereien bezahlen? Moderne Architektur wird so außerdem – wie gesagt, was jetzt geplant ist, ist auch nicht das Non-plus-Ultra – nie eine Chance in Dresden haben. Doch jede Epoche, jede Zeit, hat ihrer Baumeister und Architekten, denen Chancen eingeräumt werden (müssen). So lebt eine funktionierende Stadt. Nur in Dresden funktioniert das irgendwie nicht. Wir schielen immer zurück in die Vergangenheit. Dabei war Dresden – bis zum Krieg – stets eine Stadt, die gerade architektonisch Vorreiter war. Erinnert sei nur an das weltweit erste Kugelhaus. Aber damit ist es längst vorbei. Dank auch der Barock-Faschisten. Entschuldigung, der „Bewahrer“…

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  1. Uwe
    3. März 2010 um 17:34

    Früher war doch alles besser. Ich bin dafür den Wald wieder aufzubauen.

  2. Fred
    29. März 2010 um 17:36

    Es ist ein Unding, was da passiert.

    Was sich mir immer noch nicht richtig erschloßen hat:

    Aus welcher Position heraus erlaubt sich dieser private Verein überhaupt eine solche Anmaßung? In welcher Weise ist diese Meinung überhaupt von Interesse? Und warum finden deren Anliegen überhaupt Gehör?

    Ich kann mich gut an die Diskussion zum Thema Philharmonie erinnern. Da mussten sich gefeierte Architekturbüros von den selbsternannten Kennern beschimpfen lassen. Die Stuttgarter taten mir echt leid.

    PS: Ich finde übrigens schon, dass der Neumarkt zu einem reinen Disneyland „verkommen“ ist. Mal sehen wann jemand auf die Idee kommt, Eintritt zu verlangen…

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