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Dresden blieb (fast) Nazifrei!

14. Februar 2010

Geschafft! Die etwa 5 000 Nazis – viele Quellen sprechen sogar nur von 3 000 bis 4 000 – konnten ihren „Trauerzug“ nicht durch die Neustadt führen. Sie hingen den ganzen Tag am Schlesischen Platz vor dem Bahnhof Neustadt fest, bis die Polizei den brauen Spuk um 17 Uhr beendete. In der Neustadt machten rund 8 000 Demonstranten an diversen Punkten mobil – erstmals konnten die Braunen damit ihren Zug nicht durch Dresden nehmen. In der Altstadt gab es hingegen zeitgleich die längste Menschenkette aller Zeiten in Dresden – über 15 000 Menschen bildeten einen Ring um die Innenstadt, schirmten sie so ab.

Schon zum Mittag war es fraglich, ob es überhaupt noch zu dem geplanten Nazi-Marsch kommen würde. Nur 200 der geplanten 8500  Rechtsextremen kamen zum Bahnhof. Bis 16 Uhr waren es knapp 5 000. Denn die rund 8 000 Demonstranten des  Bündnisses „Dresden Nazifrei“  blockierten überall die Zugänge – Busse, Bahnen und Autos kamen nicht mehr in die Stadt. Bereits im Vorfeld hatte das Bündnis, das unter anderem von den Jusos, Gewerkschaften, den Grünen, Bundestagsabgeordneten, antifaschistischen Initiativen und Künstlern unterstützt wird, zu Massenblockaden aufgerufen mit dem Ziel, den Neonazi-Aufzug zu verhindern. Die Gegendemonstranten blockierten strategisch wichtige Punkte wie Brücken, Kreuzungen oder Unterführungen rund um den Treffpunkt der Rechten. Zeitweilig besetzten sie sogar Bahngleise, so dass der Zugverkehr zwischen den innerstädtischen Bahnhöfen Neustadt und Hauptbahnhof vorübergehend lahm gelegt wurde. Schon am morgen kreisten schwere Hubschrauber über der Innenstadt – überall fuhren Polizeiwagen mit Blaulicht herum…

Die Polizei, die mit etwa 8 000 Kräften aus mehreren Bundesländern – von Berlin bis NRW – im Einsatz war, hatte vor allem ein Ziel – Rechtsextreme und Gegendemonstranten zu trennen, um Zusammenstöße zu vermeiden. Dennoch kam es zu einigen Auseinandersetzungen zwischen Anhängern beider Lager. Dem Bündnis zufolge griffen rund 500 Rechtsextreme das alternative Kulturzentrum „Conny“ in der Neustadt an, prügelten auf politische Gegner ein. Dabei soll es Verletzte gegeben haben.Aber auch die linken Chaoten zündeten Barrikaden an, prügelten sich mit der Polizei, warfen Flaschen und stießen Auos um.

Mehr als 15.000 Bürger und damit als doppelt soviele wie erwartet, beteiligten sich an der friedlichen Menschenkette um die Dresdner Altstadt, zu der Oberbürgermeisterin Helma Orosz (CDU) zusammen mit Kirchen und Vereinen aufgerufen hatte. Auch Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) und die Vizepräsidentin des Bundestages, Katrin Göring-Eckardt (Grüne), reihten sich ein. Der Zug sollte ursprünglich nur von der Synagoge bis zum Altmarkt reichen – letztlich war es ein knapp 5 Kilometer langer Ring rund um die Altstadt – spontan zog er sich in Doppelreihe um die Frauenkirche.Um 14.15 Uhr läuteten für 15 Minuten die Innenstadt-Kirchen. Kein Mensch redete mehr. Im Anschluss brandete Applaus auf.

Am Abend, gegen 21 Uhr, strömten dann tausende Dresdner auf den Neumarkt und gedachten dort in Stille der Opfer der Bombardierung. Um 21.45 Uhr begannen in der gesamten Innenstadt für 20 Minuten die Glocken zu läuften. Damit gedachte man an die über 25 000 Toten.

Die Zahl der Toten der Angriffe vom 13. / 14. Februar 1945 wird man offiziell wohl nie ermitteln können, zu viele Menschen verbrannten im Feuersturm auf der Stelle. Übrigens: Selbst die Wochenschau sprach im Februar 1945 „nur“ von maximal 50 000 Toten. Später wurde diese Zahl missbräuchlich erhöht. Von den Nazis für ihre Propaganda gegen die Alliierten. Von den Alliierten um Angst und Schrecken zu verbreiten. Von den Kommunisten, um vor den westlichen Verbündeten der BRD zu warnen… Und heute noch immer von den Nazis, die von weit über 100 000 sprechen.

Letztlich ist es aber egal, ob es 25 000, 50 000 oder 100 000 waren. Jeder Tote war einer zuviel. Dennoch gleicht dies nicht der Argumentation der „trauernden“ Nazis („Opfermarsch“), denn die wollen nur den Krieg verharmlosen wollen und das Leid und die Zerstörung der Opfer von der Verantwortung ihrer geistigen Vorväter für den Untergang Dresdens lösen und sich rechtfertigen. Doch es waren ihre Glaubensbrüder, die 1939 den Krieg begannen und nach Dresden heimholten. Die angeblich wehrlose Stadt war damals aber alles andere als wehrlos: Waffenfabriken in der Altstadt rund um den Bahnhof und auf den Hellerberg waren sehr wohl militärische Ziele der Alliierten.

Egal, die Zerstörung der einst wunderschönen Stadt sollte Mahnung gegen den Krieg sein. Sie sollte endlich zur Versöhnung beitragen. Und damit haben Nazis an diesem denkwürdigen Tag rein gar nichts in Dresden zu suchen.